Impuls zum 31. Mai 2026
Von Werner Höbsch (Brühl), Kommission Christlich-Muslimischer Dialog
Barmherzigkeit und Wohlwollen
An diesem ersten Sonntag nach Pfingsten begeht die katholischen Kirche den Dreifaltigkeitssonntag. Zum Verständnis der Dreifaltigkeit liegen zahlreiche Abhandlungen vor. Mich spricht der Gedanke an: Gott selbst ist Beziehung und tritt mit seiner Schöpfung in Beziehung – in eine Beziehung voller Barmherzigkeit und Wohlwollen.
Erste Lesung Ex 34,4b.5.-6.8-9.
Früh am Morgen stand Mose auf und ging auf den Sinai hinauf, wie es ihm der HERR aufgetragen hatte. Die beiden steinernen Tafeln nahm er mit. Der HERR aber stieg in der Wolke herab und stellte sich dort neben ihn hin. Er rief den Namen des HERRN aus. Der HERR ging vor seinem Angesicht vorüber und rief: Der HERR ist der HERR, ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig und reich an Huld und Treue. Sofort verneigte sich Mose bis zur Erde und warf sich zu Boden. Er sagte: Wenn ich Gnade in deinen Augen gefunden habe, mein Herr, dann ziehe doch, mein Herr, in unserer Mitte! Weil es ein hartnäckiges Volk ist, musst du uns unsere Schuld und Sünde vergeben und uns dein Eigentum sein lassen!
Gedanken zur Lesung
Die zentrale Aussage der Lesung aus dem Buch Exodus lautet: „Gott ist ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig und reich an Huld und Treue“. Wie oft wurde in der Geschichte des Christentums - mitunter bis heute - als Unterschied zwischen dem „Alten“ und dem „Neuen“ Testament behauptet: die Hebräische Bibel verkünde einen Gott, der Rache und der Gewalt, das Neue Testament dagegen den Gott der Liebe und des Friedens. Generationen von Christ*innen wurden durch diese Gegenüberstellung geprägt. Wie verfehlt diese ist, zeigt die heutige Lesung. Woher wissen Mose und das jüdische Volk von der Barmherzigkeit, Güte und Treue Gottes? Nicht durch philosophische Spekulationen, sondern aus geschichtlicher Erfahrung und ihrer Deutungen. Der Gott, der sich dem Mose mit seinem Namen JHWH offenbart hat, als der „Ich-bin-da und werde-da-sein“, gibt sich als ein barmherziger Gott zu erkennen, tritt mit seinem Volk in Beziehung, hört seine Klagen und steigt herab, um das Volk aus dem Sklavenhaus Ägypten zu befreien.
Zweite Lesung. 2 Kor 13,11-13
Im Übrigen, Brüder und Schwestern, freut euch, kehrt zur Ordnung zurück, lasst euch ermahnen, seid eines Sinnes, haltet Frieden! Dann wird der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein. Grüßt einander mit dem heiligen Kuss! Es grüßen euch alle Heiligen. Die Gnade des Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!
Gedanken zur Lesung
Bei diesen Worten hat Paulus die Gemeinde von Korinth im Blick. Er betont ganz und gar in der Tradition der Tora: Gott ist ein Gott, der Liebe und des Friedens. Wer sein Vertrauen auf diesen Gott setzt, wird leben und selbst zur Friedensbotin und zum Friedensboten werden. „Haltet Frieden!“ ist nicht nur eine Aufforderung an die Gemeinde von Korinth, sondern auch für unsere Zeit. In einer unbarmherzigen Gegenwart, von Hunger und Verelendung, von Kriegen und Gewalttaten geprägt, in der das Heil von wirtschaftlicher und militärischer Überlegenheit erwartet wird, fordert der Ruf; Frieden zu halten, zum Protest auf gegen todbringende Mächte und zu Wegen eines nachhaltigen Friedens.
Evangelium Joh 3,16-18
Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird. Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er nicht an den Namen des einzigen Sohnes Gottes geglaubt hat.
Gedanken zum Evangelium
Das Evangelium kündet vom Rettungsunternehmen Gottes für diese Welt. Er hat den Sohn gesandt, die Welt zu retten, nicht zu richten. Einen gestrandeten Wal zu retten, erwies sich schon als unmöglich, wie dann die Welt? Was kann gemeint sein? Die Welt ist gefangen in Verstrickungen der Gewalt. Der Blick des Evangeliums wird nicht auf ein Jenseits dieser Welt gelenkt, sondern auf das Hier und Jetzt. Christus ist herabgestiegen, um Gottes Barmherzigkeit zu bezeugen und unsere Gedanken und Schritte auf den Weg des Friedens zu lenken.
Die Aussage, „wer nicht glaubt, ist schon gerichtet“, kann verstörend wirken, ist aber hochaktuell. Glauben bedeutet Vertrauen. Worauf vertrauen Menschen? Wer nicht auf den Gott des Friedens vertraut, sondern stattdessen auf Erlösung durch Gewalt setzt, ist schon gerichtet. Da muss kein Gott aus der Höhe kommen, um zu richten. Das besorgen schon die Machthaber dieser Welt selbst mit ihren Gedanken und ihrer Praxis der Gewalt.
Gebet
Gotteslob 10, 4
Papst Franziskus hat oft betont: „Frieden schaffen“ ist ein Handwerk, das mit Leidenschaft, Geduld, Erfahrung und Hartnäckigkeit ausgeübt werden müsse, denn es sei ein langwieriger Prozess. Das bringt das Gebet „Herr mach mich zum Werkzeug deines Friedens“ zum Ausdruck.
Psalm 85: Gotteslob 633, 5
Es begegnen einander Huld und Treue, Gerechtigkeit und Frieden küssen sich.
Gebet zum Segen
Gott, der du Frieden verheißen hast, bewahre und behüte uns,
lasse dein Angesicht leuchten über uns und der ganzen Erde,
segne uns und lenke unsere Schritte auf den Weg des Friedens.
Lied
Gotteslob 475
Verleih uns Frieden gnädiglich